Gedichte auf Deutsch

Die Gedichte in der Übersetzung von Martina Jakobson

Übersetzungen der Gedichte wurden im Rahmen des Projekts "Shots/Stories 2012-2013" durchgeführt

Zyklus „Bora“

 

VON GALA UZRYUTOVA

ÜBERSETZUNG: MARTINA JAKOBSON
 

(Bora ist ein kalter, böiger Wind, eine Bora entsteht, wenn ein Windstoß kalter Luft auf eine Anhöhe trifft. Sie stürzt sich, das Hindernis überwindend, mit großer Wucht hinab in das Meer)

wenn vierzehn Menschen – zwei Wochen Leute ergeben,
bedeutet dies, dass ich ein Tag bin.
bin ich tatsächlich ein Tag?

dieser Dornbusch hier ist ein dürres Gerippe,
Nebelschwaden von Menschen wandern durch die Stadt,
vierzig Jahre lang lebte der Junge in ihrer Mitte,
eine Gänsefeder zückend, notiert er von Hand.

der kleinste Junge auf Erden
wollte und wollte nicht mehr wachsen,
mit fünf bis zehn Zentimetern war die Stadt für ihn hoch, groß wollte er werden,
von elf bis zu siebzehn Zentimetern liebten ihn die alten Frauen,
von achtzehn bis zu fünfzig wollte ihm keiner mehr was anvertrauen,

ruck zuck, die Gans – ab auf den Tisch und den Jungen – ab in den Wald,
so stieg er in gänzlich ungeflügelter Gestalt

auf einen Baum, wo die Feder bald zunahm – nicht an Leichtigkeit, aber an Gewicht
und wo sie ihre schönste Gewalt im Wipfel entfaltet hat

und er federleicht hinuntergefallen ist.

***

Im Dezember trinkt der Elefant das Wasser längst nicht mehr mit dem Rüssel,
die indischen Gewässer sind jetzt allesamt vereiste Flüsse,
und die Krallen haben den Rücken von Kopf bis Fuß zerkratzt,
geh deines Weges, Elefantentreiber Dima, aus ist die Hatz

Diese Anhöhe erhebt sich nicht vom Schwanz bis zu den Ohren,
sie rostet nicht von null bis hundert Meter,
sie verhärtet unter den Beinen zwischen fünf und zweiundzwanzig, und das ziemlich ungeschoren
und erkaltet nachts oder auch später

Er öffnet den Schneeanzug mit dem ausgekühlten Schlitz,
Dima plätschert aus,
in den indischen Fluss – ja in diesen – weil er muss

- Dima, bist du wieder ausgelaufen? Komm schnell nach Haus!
- Aber Mama und was ist mit dem Elefanten? Der erfriert doch, dann ist es mit ihm aus!

- Dem Elefanten wird schon nichts passieren,
morgen gehst du mit Oma in den Park,
fährst Schlitten und gehst schön spazieren

***

Heute ist es verdächtig still, heute kommt bestimmt eine Bora

Der Junge im weißen Nachthemd steht früh auf,
und wählt im Hof für sich im Schnee eine Peitsche aus,
da ist es leer, dort kommt nichts raus,
mit so was peitscht man nicht, lass es links liegen,
und er schlägt drauf ein, als wär’s Sidors Ziege

Endlich kommt das Taxi, auf das alle warten,
das Meer schäumt auf, drei sind hinter dem Zaun,
ein Krabbeln, ein Wimmeln,
die Kinder schwärmen den roten Weg nach Haus,
Geschenke und Erwachsene unter den Armen

Ein Fleck in der Ohrenklappenmütze sichtet ohne Aufsicht im Hof,
unsichtbar gleißt er im unterkühlten Schaum,
und als ich es am Morgen nicht hinbekommen hab,
sind die Flecken verschwunden im Saum,
Eislöcher verschlucken die flügellose Krähe,
unter ihrem Schwanz ist erst recht nichts zu sehen,

Da verkriecht er sich wie ein Hund in der Höhle

***

Alle Samen dieser Welt gleichen Frauen, alle Leibesfrüchte gleichen Männern,
fallen in die Erde, fliegen im Morgengrauen auf den Jungen, den Vater und den Sohn,
der Vater geht, der Sohn geht, der Junge bleibt allein zuhaus

Alle Städte dieser Welt gleichen Frauen, alle Meere gleichen Männern,
der Junge lacht und glaubt, dass er ewig ist, die Leute lassen sich auf Spiele mit ihm ein,
wer ein Bild betrachtet, schaut immer dieses eine an, darauf ist jemand allein

Alle Wörter dieser Welt gleichen Frauen, alle Pausen gleichen Männern,
der Junge ist sich gewiss: dass die Welt rund, unbekümmert und bestimmt unheilbar ist,
er sagt, den Tod gibt es nicht – und dann ich eben allein zurück

 


***

Wer sagt: Ich liebe dich, sagt nichts anderes als:
Dein Leben währt ewig,
und auch du währst ewig.“

Gabrielle Marcel

erinnerst du dich, als du ein Junge warst,
konntest du dein Fahrrad noch nicht allein aus dem Hauseingang tragen,
Mutter eilte herbei, sie trug es für dich hinaus, sie tat dir leid,
denn die anderen warteten auf den Vater, der es für sie hinaustrug,
und dir wurde klar, dies ist nicht der letzter Weisheit Schluss,
du hast einen Gang, als ob sich ein Fremder
nach dir umdrehen muss, unvermittelt wechselst du die Straßenseite,
und bevor du aus dem Haus gehst,
fotografierst das Telefon, kontrollierst, ob du den Gashahn und den Wasserhahn zugedreht hast,
in deinem Handy sind fünfunddreißig Gashähne
und drei Fotografien jener, die du liebtest

- dann sind die wohl gestorben?
- dann habe ich also doch den Gashahn zugedreht.

Ort: Tschuwaschische Kirche
Zeit: ca. 15 Uhr, 4. Dezember 2012

 

 

Dies Glockenläuten, ohne dass es etwas bedeutet,
flüstert die eine flüchtig ins Heute.

Die Hände der anderen – warm bis auf den Grund – in den Festtag,
holen aus dem Dunkel die Ruder,
Kerzen perlen, Lichter funkeln,
eine Gestalt erzittert in Rosa und verzagt

Fünf Zungen sind sprachlos verstummt,
ihre Finger trommeln derart laut,
dass die Dehnung des Kerzenwachses zu vernehmen ist,
die Enten in Swijaga schlagen mit ihren Füßen das Wasser auf,
selbst die Farbgestaltung auf Rambler verändert sich,
Nebel steigt auf
und der buddhistische Mönch atmet aus

Die Handflächen verlieren den Anker
schuppig senkt sich der Laut

 

Bis zum Samstag

Ort: Café Baker Street
Zeit: ca. 19 Uhr, 4. Dezember 2012

 

 

Es heißt, niemand ist es jemals gelungen, ein Blatt Papier
mehr als sieben Mal zu falten

sieben Taue umspannen den weißen Platz bis zum Hof,
derartige Höfe betritt, wer sich verirrt,
sieben, die hängen geblieben sind, setzen ihre Bewegung fort,
begleiten dich zu einem heruntergekommenen Pavillon,
sieben erwarten dann diese – führen sie zum Fenster,
hier fällt immer Licht herein, hier fällt immer Licht herein,
fünf sehen aus dem Fenster, aber ihre Blicke begegnen einem Bildschirm,
sie beobachten, wie er zweigeteilt wird,
drei haben sich schnalzend in eine Spalte verdrückt,
zwei, einer tritt von der anderen Seite an sie heran,
um nichts zu sehen,
aber um zu hören,
wie auf dem Platz zehn mit ihren Fäusten
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